Bogensport Center Thomas Nibbe

Schießen mit dem Compoundbogen Teil 4: Na, heute schon gepuncht?

Du glaubst bisher war es kompliziert? Bisher habe ich in theoretischen Ergüssen geschwelgt? Dann schnall dich mal an, heute wird es noch spannender. Wir begeben uns gemeinsam in die Abgründe des Schießens mit dem Compoundbogen. Alles bisherige läuft hier zusammen, quasi der Ouroboros des Compoundbogens. Von was rede ich? Natürlich vom Lösen. Und wenn wir vom Lösen sprechen, sprechen wir auch von deinem Release. Aber beginnen wir am Anfang:

Was ist dein Problem? Ein Erstgespräch im Personal Training

Wenn ich als Trainerin im Erstgespräch einen neuen Trainee begrüße, frage ich immer nach den bisherigen Baustellen, nach Unzufriedenheiten. Bei 95 % meiner Schütz*innen fällt die Antwort: das Lösen passt nicht. Oft mit dem Zusatz – mein*e Trainer*in im Verein hat auch gesagt dass ich schlecht löse. Grundsätzlich habe ich hiermit kein Problem und diese Aussage ist auch völlig legitim, weil der*die Schütz*in fehlerhaftes Lösen oftmals dominant wahrnimmt. Als Trainer*in sollte ich allerdings die Ursache dessen erkennen können. 

 
Rythmus – was für ein Mus?

Beobachtet man Bogenschütz*innen im Allgemeinen und Compoundschütz*innen im Besonderen genau, wird eines aufffällig: Bei Allen zeigt sich ein zeitliches Schussfenster, ein Rhythmus oder Timing. Fällt der Schuss in diesem Zeitfenster, trifft er normalerweise der technischen und taktischen Qualität entsprechend, ist also quasi berechenbar. Fällt er außerhalb dieses Zeitfensters – egal ob davor oder danach – hängt der Treffer oftmals vom Zufall ab, kann eine 10 sein, kann aber auch ein „Ich hänge den Bogen jetzt an den Nagel“-Moment werden.

Warum wird also nicht im zeitlichen Schussfenster gelöst fragst du dich? Tja wenn es denn so einfach wäre. 

 
Warum du dein Schussfenster verpasst – 3 Klassiker

1. Manchmal ist ein Schuss optimal aufgebaut und die Visierung steht einfach schneller in der 10 als der*die Schütz*in es gewohnt ist. Mit ausreichend Training kann und sollte dann auch geschossen werden. Unroutinierte Schütz*innen hingegen erschrecken sich oft (tatsächlich, nicht lachen, ist dir bestimmt auch schon passiert) oder trauen sich nicht den Schuss entsprechend zu lösen. Der Rhythmus läuft also schneller als gewohnt, dies wird aber nicht kompensiert.

2. Eine andere Möglichkeit ist schlampiges oder unkonzetriertes Arbeiten: hier können Nachkorrekturen in der Halteposition erforderlich sein (auch hier, wir schießen einen Compoundbogen: Halteposition heißt wir haben vom Vollauszug ausgehend den Ankerpunkt erreicht, die Sichtlinie ins Ziel ist ausgebildet, der Bogen wird gehalten) und somit den Rhythmus in die Länge ziehen. Und gerade solche Korrekturen können dazu führen, dass das Schussfenster verzögert wird. Der Schuss wird also nie wirklich fertig aufgebaut, weil Korrektur und Verzögerung zu einer weiteren Korrektur führen und so weiter und so fort…

3. Zuletzt und wohl bei semi-routinierten Schütz*innen (also alles was sich im ambitionierten Breitensport bis hin zur Deutschen Meisterschaft so tummelt) kann beobachtet werden, dass ein Schuss gut aufgebaut wird, aber das Lösen hinausgezögert wird. Es wird gezaudert und gehadert, darf der wirklich raus, ist das gut..

Soll ich? Oder doch noch nicht?


Spoiler: Sobald du diese Frage stellst, ist das Schussfenster schon weg.

 
Kurz zusammengefasst:
  1. Ein guter Schuss sollte technisch sauber aufgebaut und auch gezielt werden
  2. Das Zielen wird VOR Erreichen deines Schussfensters abgeschlossen
  3. Hast du deinen Zielvorgang stabilisiert, tickt die Uhr – wenn du jetzt zügig schießt – Volltreffer
  4. Hast du dein Schussfenster verpasst – rette was du retten kannst – und machs nächstes Mal besser
 
Und jetzt: das Release als zusätzliches Element

Beim Compoundbogen kommt jetzt aber unser zusätzlicher Freiheitsgrad ins Spiel: unser Release. Und hier tauchen wir ab in den Mariannengraben des Compoundschießens. Mir ist grundsätzlich egal, welches Release geschossen wird – es muss nur gut eingestellt sein. Und ich habe wirklich WIRKLICH etwas gegen Back Resistance Releases in Wettkampfsituationen. Ein Back Resistance Release kann als Trainingstool dienen, garantiert mir aber nicht, dass der Schuss während des Erreichen des Schussfensters fällt. Vielleicht garantiert es mir Rückenspannung, aber ich wähle zu 110 % den Schuss im zeitlichen Schussfenster vor der Rückenspannung.

Und das ist der kontroverse Punkt: wenn du es richtig machst, kannst du dein Release ohne Konsequenzen punchen. Wenn ich hier von „punchen“ spreche, dann reden wir über ein kontrolliertes Auslösen des Releases. NICHT von einem kompletten Spannungverlust und Ausreißen des Schusses. Hier können viele Übersetzungs- und Interpretationsfehler vorliegen. Viele Schütz*innen (zumindest im deutschsprachigen Raum) haben Angst davor zu „punchen“ und frieren die Zughand vollständig ein, genau so bricht der Schuss aber meist unkontrolliert (zusammen).

ABER damit das funktioniert gilt für dein Release: es muss auf dein Schussfenster eingestellt sein – Druck und Weg müssen zu DIR und DEINER Anatomie und Technik passen. Zusätzlich musst du aus der Spannung und der richtigen Sichtachse lösen.

Schöner ist es aber logischerweise trotzdem in guter Ausführung. Nur wie?

 
Wie geht es denn jetzt richtig?

Egal welches Release du schießt, baue ab Erreichen deines Schussfensters sanft weiter Spannung auf. Du schießt Daumentrigger-Release? Dein Daumen baut in die gleiche Richtung wie deine Zughand Druck auf die Trommel auf. Du drückst nicht ab – du ziehst.

Du schießt ein Hinge Release? Dein Ringfinger baut kontinuierlich in Richtung deines Zugarmellbogens OHNE seine Position im Release zu verändern. Dein Zugarmellbogen zieht allerdings auch etwas weiter nach unten weg in Richtung Schulterblattspitze deines Zugschulterblatts

 
Take-Home-Botschaft

Rückenspannung und Releasebewegung müssen in dieselbe Richtung arbeiten.
Nur dann kontrollierst du den Schuss – und nicht umgekehrt.

Und ja:
Das muss im Training funktionieren.
Und im Wettkampf.
Aber wenn du in einer kniffligen Situation mal ein bisschen nachhilfst?
Völlig okay.
Solange es kontrolliert bleibt, bist du auf dem richtigen Weg.

Bis zum nächsten Mal

Präzise ins Gold
Eure Johanna 🎯