Bogensport Center Thomas Nibbe

Ist Bogenschießen überhaupt ein Sport - Teil 1: Muss ich mich überhaupt aufwärmen?

Eine grundsätzlich berechtigte Frage. So wie jedes Konstrukt und jede Sportart inklusive Regelwerk regelmäßig auf dem Prüfstand stehen sollte. Aber alle, die mich ansatzweise kennen, wissen dass mit mir bei der Frage, ob Bogenschießen Sport ist, und ob Aufwärmen denn wirklich sein muss, definitv nicht zu Spaßen ist.

Warum müssen wir über Aufwärmen reden?

Eigentlich könnte man meinen, dass Aufwärmen vor dem Bogenschießen mittlerweile die Norm ist, man sich nicht mehr mit Überzeugungsarbeit und dem Warum befassen muss.

Nachdem mein Beruf auch immer wieder wechselnde Trainees mit sich bringt, kann ich aber mit Fug und Recht behaupten, dass die Thematik des Aufwärmens durchaus eine Aktuelle ist. Meine Erfahrungen reicht von

„Aber wie mache ich das denn“ über

„Das brauche ich nicht, ich bin gerade mit dem Fahrrad hergekommen“ bis zu der Aussage

„Also Bogenschießen, das geht schon, aber Aufwärmen kann ich nicht mehr machen mit meiner Schulterverletzung.“

An diesem letzten Satz ist einfach vorne und hinten alles schrecklich. Nicht nur gab es hier anscheinend schon eine Historie, sondern auch ein Therapieansatz und weiterführende Belastungssteigerung wurde anscheind grundlegend vernachlässigt. Und diese Aussage ist kein Einzelfall, ganz im Gengenteil. 

In diesem Moment geht es aber um unsere Gesundheit und Lebensqualität, also warum sind wir bei diesem Thema so leichtfertig?

Also wo fangen wir heute an? Bei der gesellschaftlichen Wahrnehmung? Bei der Verletztungsprävention? Bei der Leistungsfähigkeit? Bei der tatsächlichen Leistbarkeit?

Als schwächstes Argument für den Einzelnen aber als stärkstes Argument für die Gemeinschaft steht sicherlich die gesellschaftliche Wahrnehmung des Bogensports. Wollen wir nur komische Leute sein, die ein bisschen auf eine Scheibe ballern oder durch den Wald laufen? Oder wollen wir Leistungsträger sein: Konzentration und Körperbeherrschung meistern und uns Schuss für Schuss in psychischer und physicher Präzision übertreffen? Hier könnte ich schlussfolgern, dass aus der gesamtgesellschaftlichen Wahrnehmung heraus auch die Selbstwahrnehmung verändert wird und somit auch unser eigenes individuelles Verständnis des Bogensports.

Wie häufig sind Bogensportler*innen verletzt?

Auch die Verletzungsprävention – also die Verhinderung des Auftretens einer Verletzung – ist natürlich kein neues Argument. Werfen wir einen Blick auf die Verletzungsprävalenz im Bogensport. Je nach Studie haben oder hatten 40-60% der Bogensportler*innen bereits Verletzungen erlitten. Hier ist der Bogensport wirklich fies: jeder Fußballer weiß, dass ein Kreuzbandriss während eines Spiels durchaus im Bereich des möglichen sein kann. Verletzungen im Bogensport sind aber selten spektakulär und haben selten eine solch akute Ursache. Und daher ist es natürlich auch schwieriger, einen Bezug oder eine ursächliche Herleitung festzustellen. Nur weil nach 10 Jahren eine Bizepssehnenentzündung entstanden ist, wird nicht direkt der Schluss zu den vergangenen Jahren an Trainingseinheiten gezogen.

Nehmen wir als heutiges Beispiel die Schulter – mit die am häufigsten genannte Körperstelle für Verletzungen im Bogensport. Diese ist per se mit all ihrer knöchernen Struktur,Gelenken und Bandstrukturen ein eher vulnerables Gelenk, das durch die Muskulatur gezielt gestützt wird. Fehlt diese Unterstützung durch mangelde Muskulatur oder durch fehlerhafte Ausprägung eigentlich gesunder Bewegungsmuster entsteht auf Dauer eine Überlastung der ein oder anderen Struktur.

Was dann genau kaputt ist, ist eigentlich egal – die Funktionalität ist eingeschränkt und nachdem unser Körper nach dem Prinzip „use it or loose it“ funktioniert, geht durch dauerhafte Vermeidung, Schonhaltung und Kompensationsmuster noch mehr Funktion verloren.

Ein Teufelskreis, der sich durch immer weiteres Bogenschießen nicht lösen lässt, sondern nur verstärkt wird. Einen Weg hinaus bietet hier nur klassisches und vor allem qualitativ gutes Krafttraining mit progressiver Belastungssteigerung. Und um gar nicht erst hineinzugeraten ist Aufwärmen vor dem Training der erste Schritt. So werden gezielt alle Strukturen auf die Belastung vorbereitet und bei richtiger Ausführung gesunde Bewegungsmuster gefestigt.

Addiert man zur körperlichen Belastung die zusätzlichen psychischen Auswirkungen einer Verletzung durch Aussetzen des geliebten Sports und eine ungewisse Zukunft und Leistung sowie mangelnde Bewegung dann ist die Verletzungsprävention mit das wichtigste Argument, das wir dem Breitensport unterbreiten können.

 

Und was ist mit der Leistungsfähigkeit?

Als letztes Argument haben wir die Leistungsfähigkeit. Hier möchte ich zuerst das tatsächlich konsequente Training als wichtigen Faktor aufgreifen: wer nicht verletzt ist, kann durchgängig trainieren, ohne monatelange Genesungspausen in denen zwangsläufig Rückschritte gemacht werden. Und auch danach dauert es seine Zeit, bis eine Vollbelastung wieder möglich ist.

Aber auch die tatsächlich abrufbare Leistbarkeit wird durch das Aufwärmen beeinflusst. Wer sich vorher warm macht, ist während des Trainings konzentrierter, kann länger und mehr trainieren ohne nachzulassen. Wenn meine Trainingsgruppe nach dem gemeinsamen Aufwärmen an der Linie steht, sind ausnahmslos alle voll da und bereit zu leisten, und es wissen alle, was zu tun ist. Ich konnte meine Schützline abholen, und habe gesehen, wer müde und wer fit ist. Das Training wird also für Schütz*innen und Trainer*innen effizienter.

 

Rechnen wir also das Mehr an Trainingszeit, das wir im Vergleich zu Verletzungspausen gewinnen und die gesteigerte Effizienz, ist der Zeitverlust, der erst einmal durch das Aufwärmen ensteht und oft laienhaft als Gegenargument gebracht wird, mehr als komplett kompensiert.

Wie sieht so ein Aufwärmprogramm jetzt aus?

Ein optimales Aufwärmen kann unterschiedlich ausfallen. Mir ist aber wichtig:

  1. dass sowohl unser Herz-Kreislauf-System mehr auf Touren kommt, als wenn wir vor dem Fernseher sitzen. Hier bietet es sich auch an, eine koordinative Schulung miteinzubauen und kreativ zu werden. Von Schwungübungen bis hin zu kleinen Bewegungsspielen bietet sich alles an.
  2. dass der Oberkörper gezielt auf die Belastung vorbereitet wird- respektive allgemeine Bewegungsmuster, die wir später für das Bogenschießen benötigen wiederholt werden und die Zielmuskulatur aktiv wird – hier ist ein Gymnastikband unser bester Freund.
  3. dass ich durch erleichterte Durchführung des Bewegunsablaufs das letzte Training in Erinngerung rufen kann – oder für das kommende Training gezielt Schwerpunkte setzen kann.

Gängige Programm bieten mindestens Übungen mit dem Gymnastikband. Auch Therabandsimulationen (Therabandschüsse) lassen sich danach miteinbauen und sind ein unverzichtbares Hilfsmittel. Bei Recurve und Blankbögen können auch Trockenanschläge ohne Pfeil gemacht werden. Und 15 Minuten später sind wir bereit für das beste Training – also, worauf wartest du noch?

Bis zum nächsten Mal

Präzise ins Gold
Eure Johanna 🎯

Quellen:

Alberola-Zorrilla, P., Castaño-Ortiz, C., & Sánchez-Zuriaga, D. (2024). Where do archers hurt? Epidemiology of injuries during archery practice. Physiotherapy theory and practice, 40(6), 1343–1350. https://doi.org/10.1080/09593985.2022.2136507

Niestroj, C. K., Schöffl, V., & Küpper, T. (2018). Acute and overuse injuries in elite archers. The Journal of sports medicine and physical fitness, 58(7-8), 1063–1070. https://doi.org/10.23736/S0022-4707.17.07828-8

Prine, B. R., Pazik, M. N., Prine, A., Haley, H., Bruner, M. L., & Vincent, H. K. (2023). Characteristics and reported injuries of recreational and competitive archers. The Journal of sports medicine and physical fitness, 63(11), 1202–1207. https://doi.org/10.23736/S0022-4707.23.15257-1

Vasilis, N., Kyriakides, A., Vasilopoulos, G., Chatzitimotheou, M., Gonidakis, G., Kotsakis, A., Paraskevopoulos, E., & Kapreli, E. (2024). Injuries and Persistent Pain in Elite Adolescent Archery Athletes: A Cross-Sectional Epidemiological Study. Sports (Basel, Switzerland), 12(4), 101. https://doi.org/10.3390/sports12040101